Herrnhuter Losungen

Sonntag, 26. Mai 2019
Das ist mir lieb, dass der HERR meine Stimme und mein Flehen hört.
Wenn du betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir?s vergelten.

Ein Obdachloser – nach Jahren heimgefunden


Durch die langjährigen Verkündigungen auf dem Wetzlarer Eisenmarkt ergaben sich mancherlei Begegnungen, Reaktionen, Widerstände und auch Segensimpulse.

Eines Tages wurde unser Missionseinsatz an dieser Straßenecke in der Wetzlarer Altstadt durch zwei betrunkene Obdachlose erheblich gestört.

Sie verspotteten uns, fingen an zu „dirigieren“ und verlästerten die Ansprachen und Lieder: „Alles ist nur Blabla und es ist doch nichts dahinter!“ Dennoch wurden sie von uns herzlich eingeladen, mit uns nach Hause zu kommen, zunächst einmal Ruhe und Stärkung zu finden.

Da sei dann auch genügend Zeit für gemeinsame Fragen und alles Weitere. Zu unserem Erstaunen fuhren sie mit.

Der Ältere der beiden erkannte in Haus Waldeck seine langjährige Bleibe, „sein Kinderheim“, wieder, in dem er von klein auf jahrelang untergebracht war. „Hier weiß ich Bescheid, besser als ihr alle“, stammelte er, noch leicht angetrunken. „Hier kenne ich jeden Baum und Strauch, jede Ecke und jede Kammer. Ich kann’s nicht fassen, dass ich hier wieder gelandet bin.“

Trotz innerer Unruhe blieb er einige Zeit bei uns, dann zog es ihn wieder auf die Straße. Wo er auch hinkam, begegnete er hilfsbereiten Christen, die ihm den Heiland der Welt nahe brachten und ihn ermutigten, mit dem „Guten Hirten“ zu gehen.

Einmal landete er in einem Pflegeheim, ein anderes Mal in einer Arbeitsstelle oder in einem Krankenhaus, wo ihm gläubige Menschen den Weg der Nachfolge Jesu zeigten, von dem er auch bei uns gehört hatte.

Klaus Dieter war gerührt von diesen „Zufällen“, die für ihn wegen ihrer Häufigkeit bald keine Zufälle mehr waren.

Auf einer Busreise zu einer Ferienfreizeit in Norwegen wurden wir auf der Autobahn bei Hannover durch den Hinweis eines anderen Verkehrsteilnehmers, unser Bus hinterlasse eine große Rauchfahne, zur Ausfahrt an einer Tankstelle gedrängt.

Dort trafen wir Klaus Dieter, der völlig verzweifelt war. „Papa, hast du ein bisschen Tabak für mich und ein bisschen Geld?“ „Komm heim, Klaus Dieter, wir freuen uns, wenn du wieder bei uns bist“, war die Antwort.

Am Fahrzeug wurde im Nachhinein kein Defekt festgestellt, es war auch keine Rauchfahne mehr zu sehen. Gott hatte uns zu unserem verzweifelten Klaus Dieter geführt.

Nach unserer Rückkehr aus Norwegen fanden wir ihn wieder geborgen und zufrieden in unserem Heim.

Einmal kam er an Weihnachten von der Straße zurück ins Heim, angetrunken und mit glasigen Augen: „Ich will doch mit euch Weihnachten feiern. Geld und Geschenke habe ich leider nicht. Doch ich habe für euch einen kunstvollen Spazierstock geschnitzt, als kleine Weihnachtsüberraschung von mir.“ Klaus Dieter war uns wie ein eigener Sohn. Er war treu, fleißig und ehrlich.

Er erschien jeden Tag zur Morgenandacht im Heim. Sein Herz öffnete sich mehr und mehr dem Wort Gottes, der Botschaft vom Frieden mit Gott durch den Glauben an Jesus Christus, den Herrn.

An seinem letztem Lebenstag bat er uns während der Hausandacht: „Singt doch bitte noch einmal das Lied: Lasst die Küstenfeuer brennen.“ Gerne taten wir ihm diesen Gefallen.

Klaus Dieter sang dieses ihm so vertraute Lied voller Inbrunst, mit ganzer Hingabe, wie nie zuvor. Er nahm niemanden mehr um sich herum wahr, nur noch sein Liederbuch und die Faszination dieses Liedtextes.

Nachts um 12 Uhr rief uns der diensthabende Mitarbeiter: „Du musst Klaus Dieter ins Krankenhaus bringen, er krümmt sich vor Schmerzen!“ Die Diagnose im Krankenhaus: „Raucherbein, Venenverstopfung, Herzklappenabriss...“

Er starb noch in der gleichen Nacht. Das raue Leben auf der Landstraße, Alkoholismus, Nikotin und nicht ausgeheilte Infektionen und Krankheiten hatten ihn eingeholt und überwältigt.

Er kannte jedoch die Küstenfeuer, von denen er gesungen hatte. Durch sie gelangte auch sein Schifflein in den Hafen Gottes.

Auf seinen Grabstein schrieben wir: „Klaus Dieter W.N. – h e i m g e f u n d e n.“


Leuchtend strahlt des Vaters Gnade

aus dem oberen Heimatland.

Doch uns hat er anvertrauet

Rettungslichter längs dem Strand.

 

Refrain:

Lasst die Küstenfeuer brennen,

lasst sie leuchten weit hinaus.

Denn sie zeigen manchem Schiffer

sicherlich den Weg nach Haus.

 

Unser Weg war fern vom Lichte,

unser Herz voll Schuld und Qual,

doch von Jesu Angesichte

leuchtet uns der Liebe Strahl.

 

Dunkel ist die Nacht der Sünde,

schaurig klingt der Wogen Lied,

doch manch‘ Auge sieht voll Sehnsucht,

ob’s am Strande Lichter sieht.

 

Lass dein Licht ja nicht verlöschen,

denn vielleicht zu dieser Stund‘,

weil es nicht den Hafen findet,

sinkt manch‘ Schifflein auf den Grund.

 

Lasst die Küstenfeuer brennen!

(Anna Theklar von Weling † 1900)